DIE BILDERWELTEN DES JONATAN BRIEL

Dorian Gray im Spiegel der Boulevardpresse (1984)

Filmreihe und Ausstellung

Im Bundesplatz-Kino:
Sonntag 11.10. um 15 Uhr

Einführung: Frederik Lang

Sonntag 11.10.


In Ulrike Ottingers kulturkritischem Spielfilm spielt Briel Dr. Spiegelwelt, Chefredakteur einer Zeitung und Widersacher zu Frau Dr. Mabuse (Delphine Seyrig), Herrscherin über die internationalen Pressekonzerne. Seine Figur steht für die gutmütige Idee, „die immer komplizierter werdenden Zusammenhänge so zu erklären, daß auch der einfache Leser sie verstehen kann“, die von Dr. Mabuse als naiv und weltfremd abgetan wird. Gegen ihren Plan wiederum, den schönen und reichen Jüngling Dorian Gray zu instrumentalisieren, „ihn aufbauen, verführen, vernichten, […] in Bild und Text gründlich auswerten“, legt Dr. Spiegelwelt gegen diese „Abscheulichkeit!“ moralisches Veto ein – was aber nichts an den teuflischen Plänen ändern wird.
Dass er einmal gemeinsam mit dem französischen Star Delphine Seyrig auf der Kinoleinwand zu sehen sein würde, hätte sich Briel wahrscheinlich niemals träumen lassen, als er im April 1962 Letztes Jahr in Marienbad in seinem Filmclub programmierte, jenen Filmkunstklassiker, der Seyrigs Ruhm begründete.


BRD | 1984 | 152 Min.
Regie: Ulrike Ottinger
mit: Veruschka von Lehndorff, Delphine Seyrig, Tabea Blumenschein, Irm Hermann, Magdalena Montezuma

Der Film hält, was der Titel verspricht: Ein narzisstischer Dandy (Veruschka von Lehndorff) gerät in die Fänge der Chefin eines Medienkonzerns (Delphine Seyrig). Durch totale Überwachung und skrupellose Manipulationen soll Dorian Gray in ein Geschöpf verwandelt werden, das zum Medium der für ihn geschaffenen Sensationen und Skandale taugt. Eine fantastische, opernhafte, gleichermaßen ironische wie kulturkritische Reflexion über Macht, Identität, Gefühle und die Manipulation der Medien.

Frau Dr. Mabuse, Herrscherin über einen internationalen Pressekonzern, will zum Zwecke der Auflagensteigerung eine Kunstfigur kreieren, die zunächst alle Träume der Leserschaft erfüllt, um sie dann vor deren Augen zu vernichten. Ihre Wahl fällt auf Dorian Gray. Dr. Mabuse führt den reichen, narzisstischen Dandy in die Oper aus, wo er sich in die Sängerin Andamana verliebt. Auch auf dem Presseball und einer Weltreise durch die Unterwelt macht er eine glänzende Figur – und Dr. Mabuse mit der Berichterstattung hohe Profite. Doch dann wendet sich der moderne Homunkulus gegen seine Schöpferin …

Anders als ihr androgyner Held im Film hat Ulrike Ottinger die Vorlesung über "Subversive Ästhetik" nicht verpasst: In ihrer futuristischen Medientravestie verbindet sie Avantgardekunst und Triviales, Underground und Weltkulturen, Videotechnik und Voodoo zu einem Welttheater, in dem geschlechtliche und sozial verfestigte Rollenzuschreibungen immer wieder lustvoll konterkariert werden. Ottinger hierzu 1984: "Für mich würde eine emanzipierte Gesellschaft darin bestehen, dass sie keine Rollenerwartungen mehr an irgend jemanden stellt. Dann käme es auch nicht zur Diffamierung von Minoritäten."

Quelle: 69. Internationale Filmfestspiele Berlin (Katalog)

Nächste BRIEL-Vorstellung:

Sonntag, den 18.10. im Bundesplatz-Kino
um 13.30 Uhr:


Vampyr (1932, 35mm)
F/D 1932, 83 Min.
R/B: Carl Theodor Dreyer
K: Rudolph Maté
D: Julian West, Sybille Schmitz

& um 15.30 Uhr:

Wie zwei fröhliche Luftschiffer (1969, 35mm)
BRD 1969, 86 Min.
R/B/S: Jonatan Briel
D: Jürgen Wegner, Maria Milde